„Die Seele ist ein weites Land“, so sagt es Arthur Schnitzler. Und ein weites Land lädt dazu ein, sich ein eigenes Gebiet darin abzustecken, einen Zaun herum aufzustellen und die Grenzen zu fixieren. Im Lauf der Zeit wechseln die Besitzer und mit ihnen oftmals auch das, was in diesem abgesteckten Gebiet geschieht. Das gilt vor allem für die Seele und für all jene, die sich mit ihrem Wohl beschäftigen, wie die Therapeuten.

Immanuel Kant hat bereits vor gut 300 Jahren gefordert, dass „Philosophie als Arzneimittel wirken muss“. Dieser Ruf wird gerade in einer Zeit wieder laut, in der alte Traditionen in Frage gestellt werden, in der die Naturwissenschaften den Ton angeben. So will man es auch in der Therapie: Effizient, standardisiert und signifikant, so soll sie sein. Doch therapeutisches Handeln steht nicht bloß unter dem Zeichen technischer Machbarkeit, sondern unter dem Blickpunkt, inwieweit das naturwissenschaftlich Mögliche für das betroffene Individuum in einer ganz bestimmten Situation als wirklich gut und anstrebenswert eingeschätzt wird. Wie nun Philosophie als Medikament wirken soll, dafür gibt es viele Erklärungen. Jeder Mensch hat seine Weltanschauung, seine eigenen Wertvorstellungen und Ideen. Und – sobald der Mensch zu denken und zu sprechen beginnt, kann er gar nicht anders als zu philosophieren.

Klinische Philosophie

In existentiellen Grenzsituationen, wie Krankheit, Leid oder Tod werden metaphysische Fragen laut:

  • „Was habe ich nur getan, um das erleiden zu müssen?“
  • „Wo ist Gott, wenn er so etwas zulässt?“
  • „Werde ich je wieder glücklich sein können?“
  • „Wie wird es mit mir weitergehen?“
  • „Alles ist böse. Gibt es das Gute überhaupt?“
  • „Hat es überhaupt einen Sinn, dass ich mich anstrenge?“
  • „Wenn der Tod das Leben ist, wie es V. Frankl sagt, wozu dann überhaupt leben sollen?“
  • „Wo ist mein Platz in dieser Welt?“

Wenn solche Fragen auftauchen, dann braucht es die „Liebe zur Weisheit“, zur Philosophie, um zu neuen Ufern zu gelangen. „Wer jung ist, soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren“, das wusste bereits der griechische Philosoph und Denker Epikur, 300 Jahre vor Christi Geburt. Über das Denken wird ein neuer und zugleich unbekannter Raum erschlossen, ein Raum der vorerst fremd, über das Denken immer bekannter und vertrauter wird. Im Sinne Bachelard geht es darum, glückliche und geliebte Räume zu entdecken, gepriesene Räume, die es wert sind, dass man in ihnen verweilt und ausruht, die es auch wert sind gegen feindliche Kräfte verteidigt zu werden. Diese Liebe zum Ort, die ist vielen psychisch Kranken und existentiell Fragenden abhandengekommen. Das Leiden oder die Krankheit hält sie fest in ihren Klauen und verbannt sie an einen Ort der Finsternis. Das spüren die Betroffenen aber erst, wenn sie ihn verlassen wollen. Sie müssen, um es mit Foucault zu sagen, einen „Gegenraum“ schaffen, der sich den anderen Räumen widersetzt und neue Sinn-Visionen zulässt.

„Bleiben ist nirgends!“, so sagt es Rilke – bleibe nicht entdecke. Sinne nach und finde Neues. Das fordert Beweglichkeit und Dynamik. Doch krank sein, verletzt sein – bedeutet oft: Starr sein, gefangen sein im eigenen Weltbild. Von Entwicklung oder Dynamik ist da nichts mehr zu spüren. Doch das Leben will gelebt werden, die Zeit ist begrenzt und somit kostbar. Entdecke dein Eigenes, begib dich auf die Reise:  Horizonterweiterung, Einstellungsmodulation und ein „Denken ohne Geländer“, um es in Anlehnung an Hannah Arendt zu sagen. „Denken ohne Geländer“ ist das Suchen nach neuer Erkenntnis, was einfach scheint, und doch so schwer zu realisieren ist.

Geländer sind solange gut, solange sie stützen und halten können. Doch sie geben immer eine Richtung vor, und das macht unfrei. Nicht jede Philosophie ist im therapeutischen Kontext geeignet. Geeignet sind philosophische Entwürfe, die ressourcenorient sind. „Willst du gesund werden“ – diese provokante Frage stellt Jesus einem Kranken am Teich von Bethesda. Bereits 38 Jahre gelähmt, „ein Mensch, sich haltend an seine Krankheit“ hofft er auf ein Wunder. Und dieses geschieht dann auch, just in dem Moment als er das Leben selbst in seine Hände nimmt: „er nahm seine Bahre, und er ging einher“.

Das Prinzip Hoffnung ist ein bedeutender Meilenstein auf dem Therapieweg, der irgendwo im Ungewissen bzw. Unbekannten beginnt, vorbeiführt an schlimmen und gefährlichen Plätzen, an geraubten und belagerten Räumen mit dem Ziel an einem guten sicheren Ort anzukommen.

„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel“
Paul Watzlawik